Eines der herausragenden Projekte zum Thema Digital Ink auf Basis von Microsofttechnologie im deutschen Bildungsumfeld findet seit geraumer Zeit im Schloss Neubeuern statt. Herr Müller – der Stiftungsvorstand und Initiator des Projektes, war so freundlich, uns einige hochinteressante Ausführungen zum Stand des Projektes zur Verfügung zu stellen:

Schloss Neubeuern konzentriert sich als eine der führenden Internatsschulen Deutschlands bereits seit Anfang der 90er Jahre sehr stark auf IT-Themen. So haben wir den gesamten Campus bereits 1995/96 komplett glasfaservernetzt, so dass unsere Schüler nicht nur in allen Unterrichtsräumen, sondern auch auf ihren Zimmern auf Intra- und Internet zugreifen können. Alle Klassenzimmer sind mit fest installierten Datenprojektoren und Rechnern ausgestattet. Im Sommer 2007 haben wir zusätzlich ein äußerst aufwändiges und höchsten Sicherheitsansprüchen
genügendes Funk-netzwerk eingerichtet, dass es erlaubt, in jedem Klassenraum mit ganzen Klassen online zu gehen. Einige Jahre lang bestand bereits eine enge Partnerschaft zu Microsoft (Partnerschule), die allerdings aufgrund des Auslaufens des Partnerschulen-Programms wieder endete.

Wir führen seit Jahren eine elektronische Notendatenbank und haben 2008 die in Deutschland einmalige Webapplikation “Noten online” gelauncht, die Eltern und Schülern erlaubt,
jederzeit tagesaktuellen Einblick in ihre Noteninformationen zu nehmen und detaillierteBenachrichtigungsoptionen zu wählen.
Diese knappe Aufzählung mag nun zunächst den Eindruck erwecken, dass in Schloss Neubeuern alles in Ordnung war, was den IT-Bereich anbetrifft. Bei einer kritischen Analyse kamen wir
jedoch leider zu dem Ergebnis, dass das Delta zwischen den hard- und softwaretechnischen Möglichkeiten auf der einen und der Durchdringung unseres pädagogischen Alltags auf der anderen Seite inakzeptabel groß war. Wir nahmen uns daher vor, zum Schuljahr 2009/2010 ein IT-Projekt zu starten, das langfristig dafür sorgen sollte, dass die Nutzung der vorhandenen Möglichkeiten integraler Bestandteil schulischer Arbeit wird und dabei gleichzeitig eine didaktische und methodische Bereicherung des Unterrichts erlaubt, die motivierend auf die Schüler wirken und einen höheren Lernerfolg gewährleisten soll.
Nachdem wir uns im Vorfeld recht intensiv mit den an vielen Schulen praktizierten „Laptop-Klassen“ beschäftigt hatten, kamen wir schnell zu dem Schluss, dass dieses Modell nicht unseren Ansprüchen genügt. Zuviel bleibt dem Engagement des einzelnen Lehrers überlassen, es besteht permanent die Gefahr, dass der Laptop zum Alibi-Accessoire verkommt und sein Einsatz zum isolierten Zufallsereignis verkümmert. Hinzu kommt das tief verwurzelte Misstrauen des Lehrers gegenüber einer Klasse, die sich hinter aufgeklappten Bildschirmen versteckt (und vielleicht doch gerade bei Facebook chattet oder Poker spielt).

Vor dem Hintergrund dieser Erkenntnisse trafen wir schließlich die Entscheidung, einen fast schon revolutionären und zumindest in Deutschland in dieser Form einzigartigen Paradigmenwechsel vorzunehmen und unsere Schule ab der Klasse 9 komplett auf Digitale Tinte umzustellen. Seit September 2009 werden daher in Schloss Neubeuern alle Schüler ab Klasse 9 mit Tablet-PCs ausgestattet, die unseren Vorstellungen entsprechend vorkonfiguriert und nicht von den Schülern verändert werden können/dürfen. Die Schüler können (und müssen) diese Tablet-PCs natürlich mit nach Hause nehmen und dürfen sie auch privat nutzen, sie bleiben jedoch im Eigentum der Schule. Die Eltern werden lediglich mit einer geringen monatlichen Pauschale für Versicherung und Software-Aktualisierung belastet. Im Schuljahr 2010/2011 arbeiten somit knapp 60 Schüler in den Klassen 9 und 10, sowie ca. 20 Lehrer im Digital Ink-Projekt, im September 2012 werden es dann ca. 130 Schüler und alle Lehrer sein. Die 8. Klassen werden im Rahmen des Horizonte-Programms schon im Jahr vor ihrem Einstieg in das Projekt intensiv im Umgang mit der Software und im Tastschreiben geschult.


Wir nutzen für unser Projekt die neueste Generation von Tablet-PCs (Lenovo Thinkpad X200 Tablet), die dann das zentrale Werkzeug unserer Schüler sind. Durch die Handschrifterkennung und die hochentwickelten Multitouch-Screens ersetzt das Tablet den Notizblock, die Schulhefte, den Ordner, den Vokabel-Karteikasten und das Notenblatt. Alle Informationen werden vernetzt und damit jahrgangs- und fächerübergreifend strukturiert und abgelegt, bleiben gleichzeitig aber jederzeit über Suchfunktionen abrufbar (Microsoft OneNote). Im Unterricht werden durch den Einsatz von Tablet-PC und Tabletspezifischer Software Prozesse möglich, die bei traditionellem Frontalunterricht undenkbar sind.


In Microsoft Outlook laufen alle Informationen für unsere Schüler zusammen. Ihre Termine aus Gilden, Horizonte-Angeboten und Wochenendaktivitäten, die sie allesamt im Login-Bereich unserer Webseite aussuchen und buchen können, werden mittels vCal-Dateien in ihre Kalender geschrieben. Hausaufgaben werden als Outlook-Aufgaben verteilt und erlauben so einen ständigen Überblick über zu erledigende Arbeiten. Auch alle privaten Email-Accounts laufen in dieser „Kommandozentrale“ zusammen. Schüler mit internetfähigen Mobiltelefonen können diese Informationen wiederum mit den mobilen Plattformen synchronisieren und haben sie damit auch „on the go“ verfügbar.
Um gerade in den ersten Jahren des Projekts die technischen Probleme so beherrschbar wie möglich zu gestalten, erhalten die Klassen feste Klassenräume, in denen sie ihre Tablet-PCs andocken können und somit nur beim Wechsel in die Fachräume auf WLAN und Akkulaufzeiten angewiesen sind. Wir ließen für diese Klassenräume spezielle Tische entwerfen, die auch handschriftlich ein ergonomisch einwandfreies Arbeiten mit den Tablet-PCs erlauben. Die grünen Tafeln sind großzügigen und hochwertigen Projektionsflächen gewichen. Intensives
Augenmerk wird natürlich der Datensicherung und –synchronisation gewidmet (zumindest teilweise als Cloud-Computing), potentielle Ausfallzeiten werden durch Ersatzgeräte/-festplatten/Image-CDs/Datensicherung und Vorort-Service so gering wie möglich gehalten.


Da Microsoft gerade mit Windows 7 und Office 2010 sehr engagiert an Tablet-Themen arbeitet und gleichzeitig die webbasierten „Live“-Themen in der Datensicherung vorantreibt, freuen wir uns ganz besonders, dass es uns gelungen ist, Microsoft für eine enge Zusammenarbeit an unserem Projekt zu gewinnen. Da wir die Chance eröffneten, unter idealen Bedingungen
die Möglichkeiten dieser Technologie im Klassenzimmer zu testen und weiter zu entwickeln, konnten wir auch Ramcke Datentechnik und Lenovo überzeugen, ein Commitment für ein gemeinsames Showcase-Projekt einzugehen.

Autor: Jörg Müller, Stiftungsvorstand Schloß Neubeuern