Ich wurde von Pia Kleine Wieskamp eingeladen, an der Blogparade „Arbeitsplatz der Zukunft“ mitzudenken. Das freut mich, da ich beruflich im Team "Business Productivity Infrastructure Optimization" bei Microsoft Services arbeite und dieses Thema den Kern meiner Arbeit trifft.

Mit großem Interesse habe ich alle bisher eingereichten Beiträge gelesen, mich in sehr Vielen wiederfinden können, möchte aber gerne über mehr über die Zukunft sprechen als über meine aktuelle Arbeitsweise.

Hier sind meine Thesen, die mir persönlich in den letzen Monaten wichtig geworden sind: Der Arbeitsplatz der Zukunft wird wie folgt sein:

  • Trennung beruflich vs. persönlich wird stärker vermischen
    Erst gestern hatte ich im ESNChat, dem Austausch über Enterprise Social bei Twitter, die Diskussion, wie stark der Anteil von Persönlichen im Verhältnis zu Beruflich-Fachlichen in solchen ESN-Plattformen sein sollte. Konsens war deutlich: es gibt keine goldene Ratio.
    Persönliches (damit meine ich nicht Privates) gehört in die Threads & Status Updates. Sie bereichern als sozialer Kitt, weil sie weitere Anknüpfungspunkte zum Menschen schaffen, ein trockenes Forum auflockern können, mehr Freude bei der Arbeit schaffen. Oft wandeln sich die Themen ja.
    Man lernt sich kennen in der Laufgruppe, die über ESN gegründet wurde, spricht dann über die Firma und schaut über den Tellerrand seiner Abteilung hinweg. Arbeitgeber und Chefs, die Nicht-Fachliches aus Foren heraushalten möchten, würden am liebsten auch Facebook, Twitter, XING etc blocken.
    Dennoch werden neue Kompetenzen nötig sein, um sich vor BurnOut zu schützen. "Always On" ist nicht die Lösung, wir benötigen mehr Zeit zum Nachdenken, Sport treiben, bei der Familie Kraft tanken und einfach auch mal in der Stille gar nichts tun.

 

  • Grenzenloser Zugriff auf mein Wissen und Daten durch die Cloud
    In der Zukunft werden wir noch weniger wissen, wo meine Emails, Notizen, Office Dokumente, Community Diskussionen physikalisch gespeichert werden. Ich greife von überall, zu jeder Zeit darauf zu und es spielt keine Rolle, ob es PC, MAC, Laptop, SmartPhone, Tablet, Smartwatch oder Spielekonsole ist.
    Der Datenspeicher tritt in den Hintergrund, ebenso die Backups. Es ist einfach vorhanden, sowie Strom, man denkt nicht mehr darüber nach. Ich gehe vom Arbeitsplatz weg und arbeite auf dem Weg zum Zug im Starbucks mit dem Tablet weiter und füge auf der Zugfahrt mit dem SmartPhone Ergänzungen ein.
    Sätze wie "Ich würde ja gerne noch kurz eine schnelle Lösung senden, muss aber erst  wieder lanngwierig den Rechner hochfahren" sind somit passé

 

  • Vertrauen wird neu erlebt
    bei der Benutzung von offenen Kommunikationstools wie Twitter, Facebook, Google+, aber vor allem ESN-Tools wie z.B. Yammer wird bei der Arbeitsweise "Working Loud" schnell für jeden deutlich, dass man etwas mehr Mut braucht als wenn man nur reaktiv Wenigen auf eine Mail antwortet. Introvertierte Menschen bekommen durch die Nutzung von sozialen Netzwerken eine Stimme, sie erfahren "Empowerment" (Stichwort: Bottom up)  und ihre sonst eher leise Stimme kann Gewicht bekommen.
    Man erlebt eine Sichtbarkeit und erhält Reputation zu Themen, die man mehr oder weniger gerne möchte. Das ist eine Chance, um sich als Expert_in zu profilieren und eine eigene Auftragslage zu optimieren. Daher wird es hoffentlich auch in der Zukunft weniger Menschen geben, die Panik bekommen, wenn Telefon klingelt und Kunde mit Auftrag droht. Klingt wie ein alter Witz, ist es aber bei unternehmensinternen Dienstleistern bei weitem nicht, sondern oft noch gelebte Realität.

    Eine andere Dimension des Vertrauens ist auch die Nutzung des HomeOffices oder andere ferne Arbeitsplätze: Die Zeiten sind vorbei, wo man schlechtes Gewissen haben musste, wenn man im HomeOffice ist und dann sich eine Stunde Auszeit genommen hat, weil man Kinder vom Kindergarten abgeholt hat und Essen vorbereitet hat. Das VOIP-Client, mit dem man telefoniert, chattet oder Video Konferenzen hält, muss nicht 8 Stunden durchgängig auf grün stehen. Ich arbeite mit größerer Achtung vor meinem Biorhythmus, nutze produktive Zeiten am frühen Morgen besser, ebenso Abends und gönne mir Nachmittags Zeit mit den Kindern.  

 

  • Emails werden geschrieben, wenn es nur Wenige etwas angeht. Enterprise Social lässt Unternehmen agil werden.
    ESN Tools lösen in vielen Anwendungsfällen die gute, alte Email ab. Ich frage mich täglich, stündlich, bei Fragen oder Wissen, das ich teilen möchte: Ist das für Mehrere relevant oder geht es wirklich nur die 1,2,3 Adressaten meiner Email etwas an?
    Häufiger werde ich telefonisch oder per Mail angesprochen und angefragt, weil Kollegen etwas zu SharePoint wissen möchten. Ich bitte sie oft, die Frage auf Yammer zu stellen, wo ich gerne antworten möchte. Nichts gegen ein klärendes Telefonat, aber es gibt in meinem beruflichen Umfeld kaum Themen, die die Kollegen nicht auch irgendwann mal interessieren können. So einfach baut man sich Wissensmanagement Systeme auf und verhindert Silo-Wissen in individuellen Mailboxen. Jeder, der neu in einem Unternehmen begonnen hat und eine sehr aufgeräumte Inbox vorgefunden hat, weiß, wie schwer es ist, sich Expertenwissen (vor allem über Projekte) anzueignen. Enterprise Social Tools werden zum Standard Arbeitswerkzeug zum Recherchieren, Fragen, Antworten, Diskutieren, kultiviert Streiten, miteinander Lachen und das Unternehmen und Arbeitsweisen verändern. Soziale Unternehmensnetzwerke machen Unternehmen agiler, sie werden zu "Responsive Organisations".  Mehr Gewicht werden Anwendungsfälle für Social Media im Unternehmen bekommen, die zweckgebunden mit Geschäftsprozessen verbunden sein (z.B. Kommunikation mit seinem internen Reisebüro zur nächsten Dienstreise wegen Umbuchung).

     
  • Länder-, Abteilungs- und Hierarchiegrenzen werden unsichtbarer
    Wir sind es bei Facebook und Twitter gewöhnt, international zu kommunizieren, arbeiten aber beruflich noch zu selten mit den Kollegen aus Asien, Australien, Amerika, Afrika.
    Ich erlebe es als spannenste Zeit meines beruflichen Lebens, wie wir gerade den Wandel zum "One Microsoft" vollziehen. Die Nutzung von Yammer spielt eine zentrale Rolle bei der Überwindung von hierarchischen und geographischen Grenzen. Unser neuer CEO Satya Nadella postet in diesem Netzwerk seine täglichen Updates, hat eine Gruppe eingerichtet, um ihm Fragen zu stellen. Ich kann über viele Hierachieebenen hinweg seine Postings lesen, kommentieren und auf "gefällt mir" klicken. Führende Produktmanager bei uns posten ihre Team Meetingnotizen und -videos in diesem Netzwerk und ich bekomme Einsichten und Wissensvorsprünge, von denen ich profitiere. Diskretion und Geheimhaltung wird dadurch noch wichtiger.  

    Die Kommunikation in diesen sozialen Netzwerken wird in der Zukunft viel intensiver Kunden und Geschäftspartner miteinbeziehen und Medienbrüche verringern.

 

  • Big Data wird helfen, Arbeitsweisen zu analysieren und optimieren
    Hier stehen wir noch am Anfang. Wir sehen bereits begeistert, wie Fitness-Tracker unsere Bewegungen und Schlafverhalten festhalten. Dennoch gibt es noch wenig Analysen, um für uns konkret, individuell und umsetzbar diese Daten zu nutzen. Das Gleiche gilt für Business Produkitvität und "Getting Things Done".
    Wir werden in der Zukunft weitere Integrationen von BigData mit Suchmaschinen erleben. Wenn wir einen Link im sozialen Netzwerk posten möchten, kommt dann der Hinweis, dass es bereits eine Unterhaltung zu diesem Artikel gibt oder das Kolleg_Innen bereits eine Lösung für diese Frage gefunden haben.

 

  • Gamification wird uns mehr motivieren
    Viele von Euch kennen die Badgets von Foursquare, die uns oft motivieren, an bestimmten Orten oder Restaurants einzuchecken. Ähnliche spielerischen Elemente werden wir beim Arbeiten erleben. Man ist nicht immer vorbildlich intrinsisch motiviert und bringt täglich Höchstleistungen (bitte diese Wort im Jogi Löw Dialekt aussprechen). Wir haben täglich eine Menge Aufgaben vor uns und manche ToDo-Tools wie Todoist beginnen bereits, dass man "Karma-Punkte" beim eifrigen Abhaken von Aufgaben sammeln kann. Neulich überlegten wir für einen Kunden, wie man die Mitarbeiter bei einer Datenmigration nach SharePoint motivieren kann, die Fileshares aufzuräumen. Da kann man mit Gamification tolle Wettbewerbe und auch mit Preisen belohnen.