(Achtung: etwas off-topic, aber hoffentlich trotzdem spannend für die Leser… ;-)

Ich hatte heute das große Vergnügen, in Berlin am "What's Next Matinée" teilzunehmen, das von Microsoft ausgerichtet wird und zum Zweck hat, bekannte Persönlichkeiten aus Forschung und Entwicklung über ihre Beiträge zum Thema "Innovation & Zukunft" berichten zu lassen. Und mit Ray Kurzweil und Chris Bishop (MSR) konnten zwei besonders hochkarätige Sprecher gewonnen werden. Nachstehend einige der wichtigsten Gedanken und Eindrücke aus zwei faszinierenden Stunden.

JaegerDen Rahmen der Veranstaltung setzte Peter Jaeger, neuer Leiter der Abteilung Developer & Platform Evangelism (DPE) bei Microsoft Deutschland, mit einem kurzen Überblick zum Thema "Innovation bei Microsoft". Er beleuchtete die verschiedenen Bereiche und Aspekte, die das Thema bei Microsoft berührt, und verwies auf den F&E-Etat von jährlich über 9 Mrd. USD, der die Wichtigkeit von Forschung und Produktinnovation für Microsoft unterstreicht.

Der zweite Sprecher des Events bedarf eigentlich keiner Vorstellung: Ray Kurzweil, vielfach ausgezeichneter Erfinder, Visionär und Autor diverser Bestseller im Bereich der wissenschaftlichen Literatur, war nach Berlin gekommen, um seine Ansichten zur parallelen Weiterentwicklung von Mensch und Technologie unter dem Thema "When minds and machines become one" zu erläutern. (S. einen ähnlichen Vortrag auf der "Learning Technologies 2012".)

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Zum Einstieg verwies er auf seine wahrscheinlich wichtigste Erkenntnis der jüngsten Vergangenheit, nämlich die Tatsache, dass technologischer Fortschritt sich in den allermeisten Bereichen, die sich zahlenmäßig ausdrücken lassen (bspw. Komplexität von integrierten Schaltkreisen im Falle von Moore's Law), exponentiell beschleunigt. (Dies hat er ausführlich in seinem letzten Buch "The Singularity is Near" dargelegt und mit tausenden von Beispielen illustriert.)  Unser Gehirn jedoch mit seinen Strukturen zur Vorhersage ("predictors") im Neocortex (der Erkenntnis und Innovation überhaupt erst möglich macht) ist aus evolutionären Gründen auf lineare Extrapolation ausgelegt – ein Grund dafür, dass fast alle Zukunftsprognosen über längere Zeiträume so stark neben der Wirklichkeit liegen und uns neue Entwicklungen immer wieder überraschen. Ray war wohl der erste, der einen exponentiellen Verlauf annahm und in allen Trends suchte und daher bei den meisten seiner Prognosen erstaunliche Erfolge verbucht.

Ray ging danach auf das Thema Biologie, Medizin und Gesundheitstechnik ein und verwies darauf, dass diese immer stärker von IT-Aspekten bestimmt werden (z.B. Gensequenzierung, Medikamentenforschung usw.). Das impliziert, dass auch diese Bereiche immer stärker einem exponentiellen Fortschritt folgen werden, mit sehr erfreulichen Aussichten für die Gesundheit, Lebenserwartung und die generellen Fähigkeiten des Menschen.

Generell beginnt die Informationstechnologie, sobald sie in einem bestimmten Gebiet eine wichtige Rolle spielt, dieses Gebiet auf die exponentielle Reise mitzunehmen. Das betrifft sogar unsere materielle Realität an sich – mit Hilfe von 3D-Druckern, Nanotechnologie u.ä. beginnen wir heute schon, reale Objekte zu erzeugen, und werden das in Zukunft immer besser können – dank der Software, die letztlich dahinter steckt.

Im zweiten Teil seines Vortrags ging Ray auf sein neuestes Arbeitsgebiet ein, die Erforschung und Konstruktion des "Geistes" (im Sinne von "mind") – sein kommendes Buch "How to create a Mind" wird davon handeln. Er verwies darauf, dass viele Probleme im Zusammenhang mit (künstlicher) Intelligenz von der Öffentlichkeit so lange für unlösbar gehalten werden, bis sie tatsächlich gelöst sind, um danach als trivial und nicht repräsentativ abgestempelt zu werden (bspw. Deep Blue vs. Kasparov im Schach oder IBMs Watson in der "Jeopardy"-Spielshow). Er ist sicher, dass spätestens 2029 künstliche Intelligenz an die menschliche heranreicht – aber im Gegensatz zu letzterer auf Grund des exponentiellen Fortschritts dort nicht halt machen, sondern sich rapide weiterentwickeln wird. Die Folgen sieht er als überaus positiv an, denn es werden sich dann viele Probleme lösen lassen, für die der begrenzte menschliche Geist kein ausreichendes Werkzeug darstellt. An dieser Stelle folgte der deutliche Hinweis, dass wir im Prinzip sämtliche Verbesserungen in unserer Lebensqualität, Lebenserwartung und unseren Möglichkeiten in den letzten paar Tausend Jahren unserer Wissenschaft und Technologie verdanken und es nicht zu erwarten ist, dass sich das in Zukunft fundamental ändern wird.

Als Beispiel für ein schwieriges, aber lösbares Problem bei der "construction of a mind" führte er die Mustererkennung an und verwies auf die ca. 300 Mio. "pattern recognizers" im Neocortex, spezielle neuronale Strukturen, die Muster aller Art auf verschiedenen Abstraktionsebenen erkennen können. Diese sind natürlich evolutionär entstanden und deshalb im modernen Leben teilweise nur noch bedingt geeignet, oder es fehlen solche für neue Muster (z.B. exponentielle Trends). Hier kann und wird die Forschung in den nächsten Jahren grundlegende Beiträge leisten.

BishopDas Thema Mustererkennung war eine passende Überleitung an den nächsten Sprecher: Prof. Chris Bishop von Microsoft Research, der die "Machine Learning & Perception"-Gruppe in Cambridge leitet. Sein Team war maßgeblich beteiligt an der Entwicklung der Algorithmen, welche die Spieler- und Bewegungserkennung für Microsofts Kinect-Sensor überhaupt erst möglich macht. Chris gab einen Einblick in die Forschung, die zum heutigen Produkt führte, in die Probleme und Lösungsansätze bei der maschinellen Erkennung von Mustern, Objekten und Bewegungen. Er beschrieb, wie Kinect durch maschinelles Lernen auf die Spielererkennung "trainiert" wurde, und führte eine Reihe hochinteressanter aktueller Einsatzszenarien und Projekte an. Der Vortrag zeigte damit in überzeugender Weise, wie Microsoft an der Spitze der technologischen Entwicklung tätig ist und seine Forschung in relevantem Bezug steht zu so exotisch erscheinenden Themen wie der Konstruktion künstlicher Intelligenzen.

Zum Schluß wurde schließlich die etwas bange Frage aus dem Publikum, ob Mensch und Maschine wirklich verschmelzen und die Menschen dadurch maschinenähnlicher würden, von Ray Kurzweil kommentiert mit dem Hinweis, dass (a) die Menschen heute sowieso schon in einer symbiotischen Beziehung mit ihrer Technik lebten und gar nicht mehr ohne sie auskommen würden und dass (b) es für ihn im Moment primär darum geht, die Maschinen menschenähnlicher zu machen, um den Menschen die Interaktion mit diesen zu erleichtern. Ein schönes Abschluss-Statement, in das sich auch die Forschungsanstrengungen im Hause Microsoft gut einpassen.

 

Update: Inzwischen ist ein kurzes Video verfügbar, welches die Veranstaltung zusammenfasst und in den Kontext "Microsoft & Innovation" einordnet. Viel Spaß beim Anschauen!