Das wird jetzt keine Hasstirade auf ein bestimmtes System. Ganz sicher nicht. Aber ich will auch nichts von dieser indifferenten Einheitssuppe von mir geben. Im guten Stil der Montagsmeinung eben mal wieder Klartext reden.
Ich denke, das Problem der meisten [Softwarehersteller|Web-Applikationen|Produktdesigner|Umgebungen|…] ist es, dass sie dem User zu viele Möglichkeiten anbieten. Welche Farbe? Welche Ausstattung? Welche Zusatzausstattung? Welche Technologie? Diesel oder Benzin? Clustergröße eingeben, oder lieber nicht?
Die Auswahl zu haben, ist ein Segen. Und ein Fluch!
Oder eher eine Giftbrühe und gleichzeitig eine Medizin. Manches Schlangengift ist tödlich, kann aber korrekt verdünnt Leben retten. Nur das richtige Mischverhältnis verspricht Erfolg.
So ähnlich verhält es sich mit Auswahlmöglichkeiten. Nehmen wir mal Betriebssysteme. Ein Linux-Derivat (eigentlich jedes) gibt Anpassbarkeit en gros. Und verschreckt damit den Otto-Normal-Verbraucher. Ich kann bei der Installation einen LVM einrichten. Wer zur Hölle weiss, was das ist. Selbst ich, der den Begriff und die Technologie kennt, und der weiss, dass LVM für Logical Volume Manager steht, zweifelt einen Moment und denkt sich: “Brauch ich das jetzt? Wäre es besser einen LVM zu nutzen?” Verschenke Sekunden. Vielleicht binge/google ich noch nach der Bedeutung, oder öffne die Hilfe. Weitere Minuten meines Lebens verstreichen ohne Sinn. Denn diese Entscheidung will ich nicht treffen müssen.
Überhaupt, wenn ich die Hilfe eines Programmes öffnen muss, das Handbuch lesen muss, dann ist das Programm falsch gestaltet. RTFM? Ich müsste nicht, wenn sich im Vorfeld jemand Gedanken gemacht hätte, wie ich das Produkt intuitiv und umgebungsideal verwenden kann.
Was meine ich mit umgebungsideal? Natürlich gibt es eine Daseinsberechtigung für LVM, um beim Beispiel zu bleiben. Aber gibt es diese Berechtigung auch für die Installation auf einem Netbook? Und für die Installation durch einen Heimanwender? Die Anpassung der zur Verfügung stehenden Optionen auf die Umstände der Installation, das wäre umgebungsideal.
Ich wechsle mal das Beispiel. Wenn ich mir heute ein Auto konfiguriere, dann kostet mich das locker mehrere Stunden, in denen ich mir Gedanken mache, ob es schwarz oder anthrazit, weiss oder perlmutt sein soll. Ob ich wirklich 165 PS brauche, und ich jetzt die richtige der 5 möglichen Alufelgendesigns gewählt habe. Und ob der Alcantara/Leder-Mix die schönere Innenraum-Feng-Shui-Gestaltung ist. Oder doch lieber Stoff. Ist halt nicht ganz so kalt im Winter.
Über was für einen Mist machen wir uns eigentlich Gedanken, als wäre es die Lösung für den Weltfrieden? Ich will doch nur produktiv arbeiten können. Von mir aus auch im Auto auf Stoffsitzen und Stahlfelgen. Aber mein kostbarstes Gut, das ich mir für kein Geld der Welt kaufen kann, nämlich meine Zeit, die will ich mir nicht durch Auswahlmöglichkeiten stehlen lassen, die ich gar nicht brauche. Und ich will aber diese Möglichkeiten auch nicht explizit ablehnen müssen, weil ich dann das Gefühl habe, etwas zu verpassen.
Wie lange hat früher (respektive zB in der DDR) die Auswahl eines neuen Festnetz-Telefons gedauert? 15 Minuten (respektive 0 Minuten, weil es nur ein Modell gab)? Heute suche ich bei acht verschiedenen Suchmaschinen nach Testergebnissen für 20 in Frage kommende Modelle, die ich zuvor per vernunftgesetzter Preisspanne bei dem Onlineanbieter mit dem grössten Sortiment gefiltert habe. Danach suche ich den günstigsten Preis bei weiteren 5 Portalen. Das ganze kostet mich locker 2 Stunden. Bin ich jetzt der doofe, oder was? Macht mich diese ganze Auswählerei glücklicher?
Zugegebenermassen, manchmal könnte es mich glücklicher machen. Wenn ich mich in voller Vorfreude auf ein neues Auto sechs Stunden mit der Konfiguration beschäftige. Ja. Sie kann mich glücklich machen. Aber eben nur glücklich. Zeitweise. Und nicht zu einem glücklicheren Menschen. Weil ich mich danach sicher gefragt hätte, wie sich wohl die ein oder andere Ausstattung gemacht hätte. Und da wären sie wieder, die Zweifel, von denen ich mich doch eigentlich so gerne befreit gesehen hätte.
Will ich mich bevormunden lassen? Ja. Bei vielen Dingen will ich das. Aber ich will nicht spüren, dass ich bevormundet werde. Ich will, dass jemand, der klüger und weiser ist als ich, sich einmal damit beschäftigt hat, was das ultimativ Richtige für mich ist. Fertig.
Und jetzt unten kommentieren. Los. LOS! Ihr müsst, ihr habt keine Wahl.