Mobile Werbung = Telco Romantik
Google hat angekündigt sich mit der Werbung auf dem Handy auf unbestimmte Zeit … Zeit zu lassen. "Wir haben keine Eile. Wichtig ist, zunächst einmal eine gute Plattform auf den Markt zu bringen", sagte Google-Manager Rich Miner auf dem Mobile World Congress in Barcelona. Gemeint ist damit Googles "offene" Handy-Plattform Android.
Zwei Dinge können vermutet werden:
Android ist, wenn überhaupt, bisher nur im Alpha-Stadium. Dies zeigen auf der Messe auch die spärlichen Exemplare ausgestellter Platinen und wackeligen Erstversuche diverser Android-Partner. Ob Symbian, Blackberry oder Windows Mobile – sie alle brauchten Jahre und Versionen vom Konzept zur akzeptablen funktionsfähigen und stabilen Plattform. Selbst das iPhone mit unzähligen Bugs/Hacks oder das vor Tagen releaste LiMo OS sind erst einmal nur Neuankömmlinge, welche sich noch in der harten Realität, fern reinen Marketings oder Open Source Romantik, beweisen müssen. Damit wir uns richtig verstehen, ich begrüße die Dynamik und den Wettbewerb sehr. Doch alles braucht auch seine Zeit zur Reife!
Zweitens – mit mobiler Werbung hat man wohl selbst bei Google seine Zweifel und möchte sich wohl nicht in ein Image-gefährdendes Abenteuer stürzen. Die Zeit ist nicht reif! Gerade in Zeiten sich einer abzeichnenden Rezession in den USA und möglichen Gewinneinbrüchen im Advertising Markt; denn die ersten Einsparungen, welche Firmen in Krisenzeiten unternehmen sind Werbe-Budget-Kürzungen. Dies könnte die Werbebranche empfindlich treffen und nach Jahren des Booms bald auf den Boden der Tatsachen zurückholen! Ein Abenteuer in die mobile Werbung könnte da schnell zum Desaster auf Zeit führen und Android komplett abwürgen.
Google aber braucht die mobile Plattform Android als künftige Werbe-Engine für weiteres Wachstum! Ähnlich wie Apple den Move vom iPod zum iPhone brauchte - zumal in den nächsten Jahren jedes Handy einen vergleichbaren MP3 Player und Video-Player integriert haben wird und ein iPod oder andere MP3-Player ohne Mobilfunk in einigen Jahren Ladenhüter sein werden.
Doch ist ein Handy das richtige Format, um Werbe-finanzierte Dienste überhaupt anzubieten? Wenngleich eine ganze Industrie von Microsoft, Google, Yahoo bis Mobilfunker davon träumt, wird mobile Werbung die nächsten fünft Jahre kein Land sehen! Werbe-SMS: nein Danke! Website-Banner auf dem Handy-Browser: kein Platz und störend! Websuchen: ein Modell, aber nur ein Bruchteil der PC Suchen! Location-based Service/Search: nicht ausgereift – technologisch wie ergonomisch!
Warum sollte sich das Online Marketing nicht aber doch auf mobile Geräte übertragen lassen? Ich stelle die These auf, dass Benutzer ihrem Mobilfunkgerät nicht "vertrauen", weil sie es nicht kontrollieren! Zumindest nicht wie ihren PC. Der PC bietet dem User die Möglichkeit Übersicht zu schaffen, komplexe Aufgaben visuell auf dem Bildschirm vereinfacht und gesammelt dargestellt zu bekommen und (über Jahre hinweg selbst erlernt) mit der Chance diese eigenständig zu lösen. Hinzu kommen schnelle und umfangreiche Eingabe-Optionen (Tastatur, Maus, etc.). Die Miniaturisierung des PCs in mobiler Form als Handy und der eingeschränkten Interaktion und Darstellung raubt dem Kunden das Gefühl der Kontrolle. Wer könnte von sich behaupten, dass bei Eintritt eines fatalen Fehlers auf dem Handy er/sie dieses selbst lösen könnte, wenn die Herausnahme der Batterie nicht die erwünschte Lösung bringt? Am PC sind online Hilfen schnell verfügbar oder (Sicherheits-)Programme relativ unkompliziert und (meist) transparent zu installieren und zu konfigurieren.
Was hat dies nun mit mobiler Werbung zu tun? Die Werbung auf mobilen Endgeräten braucht das richtige Format. Was das richtige Format aber sein soll wäre in unzähligen mobilen Applikationen für die Masse zu entwickeln und zu testen. Wie dies jedoch geschehen soll, wenn die Telefonie, SMS und ein-zwei Dienste schon über 98% der Handynutzung ausmachen, steht in den Sternen. Hier eine Frage: Wie viele Applikationen haben Sie auf Ihrem PC installiert und (aufwändig) konfiguriert? 20, 50 oder gar 100? Können Sie sich Ähnliches wirklich auf dem Handy vorstellen?
Außerdem hat sich ein Websurfer am PC mit Werbung arrangiert, weil er (zumindest geglaubt) immun und Werbe-resistent gegen blinkende Banner geworden ist und es ihn kaum mehr stört beworben zu werden. Und auch ein iPhone, welches aufgrund der vorgegebenen und einfach zu bedienenden Applikationen mehr Internetnutzung hervorruft, hat nicht genügend Display-Fläche, um den Kunden bei Betrachten von Webinhalten auf dem Handy nicht sauer zu fahren. Auf dem Handy-Display würde Werbung aber nicht mehr nur 5-10% des Bildschirms ausmachen, sondern um der Lesbarkeit der Werbebotschaft mind. 30% betragen. Für den Großteil der User völlig inakzeptabel!
Mancher mag nun vielleicht mit den Auswüchsen mit der neuen mobilen Welt der Japaner aufwarten. Doch gilt hierbei zu bedenken, dass die Japanische kulturell bedingte Verspieltheit eine wahre Insel der Telekommunikation darstellt. Nachhaltige Technologien und damit verbundene gewinnbringende Geschäftsmodelle müssen jedoch die ganze Welt adressieren.
Mobile Werbung kann ein Modell für die Zukunft werden – nur wird es nicht das Modell der Zukunft! Ich gebe Ihnen hiermit ein Versprechen: in den nächsten 3-5 Jahren werden Sie als Handy-Besitzer sicher noch weitgehend von Werbung verschont werden!